Mittwoch, 31. Oktober 2018

Eindrücke und was es sonst noch zu sagen gibt – meine tansanische Geschichte

Blaues Wasser und weißer Strand – aber keiner schwimmt
Viele Autos – aber fast keine Straßen
Viele Menschen – aber keine Adressen
Eine riesige Stadt – aber keiner kommt zum shoppen
32 Grad und Sonnenschein – und doch ist es kein Urlaub…

Nein, viel mehr ist es eine Erfahrung – eine Erfahrung, die mich am Ende unserer Reise erkennen ließ,
dass uns nicht die Dinge ausmachen, die wir haben, dass es nicht der Reichtum ist, der uns zu dem
macht wer wir sind – es sind unsere Erfahrungen, unsere Offenheit und viel mehr die Erkenntnis,
dass Glück soviel mehr bedeutet, als ein riesiges Frühstücksbuffet oder ein eigenes Auto. Das Glück
liegt in so vielen kleinen Dingen.
Vor Reisebeginn habe ich mir viele Gedanken gemacht. Eine Reise in ein „dritte Welt“ Land – einen
Ort mit geringer medizinischer Versorgung, andere Ess- und Lebensgewohnheiten. Was packe ich
ein? Was nehme ich mit? Medikamente, lange Hosen, T-Shirts, einen Pulli, Sandalen, feste Schuhe
und mein Waschzeug. Die Aufregung und die Bedenken waren meine Begleiter auf der Hinreise.
Krankheit, Unterkunft, Hygiene. Alle meine häuslichen Standards stellte ich in Frage. Aber ich war
sicher, genügend vorgesorgt zu haben. Meine erste Reise mit der ev. Jugend Frömern und doch
waren wir immer ein Team. Viele Charaktere und neue Freundschaften.
Heute kann ich sagen, dass die Reise mir einen ganz neuen Blick auf meine Welt verschafft hat.
Erinnerungen, die hoffentlich noch lange Zeit meinen Lebensweg begleiten werden.
Vom ersten Tag an habe ich gelernt das Land und seine Bewohner immer mehr begreifen zu lernen.
Freundschaft bedeutet Zusammenhalt, Rücksichtnahme, Herzlichkeit und Sicherheit. Sei es das erste
Gebet am Flughafen, eine herzliche Umarmung an jedem Tag, unzählige Gespräche, die einen immer
tieferen Einblick in das dortige Leben ermöglichten oder ein wachsames Auge. Jeder von uns war
nicht nur einfach ein Besucher – nein, wir waren von Anfang an Teil der Familien – Brüder und
Schwestern.
Ich hatte nicht einen Moment in dem ich mich allein gefühlt habe. Ich habe eine kleine Schwester (7)
und einen kleinen Bruder (9) bekommen. Zwei unheimlich bezaubernde Kinder, die mich die Welt
plötzlich ganz anders sehen ließen. Eine Tafel Kinderschokolade und ein Malbuch machten ihren Tag
einfach vollkommen. Leuchtende Augen und eine riesige Freude über unsere Anwesenheit waren
jeden Tag wieder überwältigend.
Ein sehr einprägendes Erlebnis war der Besuch der Sunday-School. Meine neuen Geschwister waren
auch Teil des Unterrichtes dort. Wir brachten allen Kindern Luftballons mit. Viele von uns pusteten
welche auf – für jedes Kind sollte es mindestens einen Luftballon geben. Doch dann passierte das
Unerwartete. In meinem „deutschen Denken“ ist der Luftballon einfach ein Luftballon – ein
gummiartiger mit Luft gefüllter Ball, der schwerelos durch die Luft gleitet, ein Alltagsgegenstand, der
doch so oft in meinem Leben vorkam. Für diese Kinder war ein Luftballon viel mehr – etwas ganz
Besonderes. Für manche war es etwas, was sie nur selten oder noch gar nicht kannten, einfach etwas
mit dem sie unglaublich toll spielen konnten und es einfach in ihrem alltäglichen Leben nicht gibt –
keine Luftballons an Geburtstagen, keine Luftballons auf einer Kirmes. Dieser gummiartige mit Luft

gefüllter Ball war ein absolut großartiges Erlebnis für alle dieser kleinen Wesen und wir standen
mitten in diesen vielen kleinen Menschen, für die wir die Helden waren – aufgrund von Luftballons.
Leuchtende Augen, so viele lachende Kinder, unzählige „high five´s“ – ich war Teil von einem kleinen
ganz großen Glück. Ein unvorstellbares Gefühl, dass es heute noch zu begreifen gilt – und mitten in
all diesen Erlebnissen meine neue kleine Schwester, die so stolz war, mich zu kennen.
Ich habe auch noch einen weiteren Bruder (36) bekommen. Ich erinnere mich nicht nur gerne an
seinen Geburtstag, sondern auch an sehr tiefreichende Gespräche. Ein Gespräch hat mich sehr
berührt. Homosexualität – „It doesn`t exist in tanzania“ – ein Satz, der eine unumgängliche Wertung
enthält. Er berichtete, dass es Liebe unter Gleichgeschlechtlichen nicht gibt und dass er zwar weiß,
dass es Menschen gibt, die es heimlich doch tun, doch hier in diesem Land ist es nicht gestattet. Es ist
ein Verbrechen und man kommt ins Gefängnis. Wir erzählten von Deutschland; erzählten, dass es
normal ist. Wir erzählten, dass Männer Männer und Frauen Frauen lieben und das auch dürfen. Das
es normal ist sich zu zeigen, ein Haus zu bauen, Kinder zu adoptieren, Hand in Hand durch die
Straßen zu gehen – dass jeder den Menschen an seiner Seite haben darf, den er liebt und das
Geschlecht keine Rolle spielt und sogar eine Hochzeit möglich ist. Ungläubig und mit Tränen in den
Augen sah er uns an und das einzige was er sagte war: „And you all life together in peace?“ Und ich
entgegnete „Yes, of course“. Und er wiederholte seine Frage nochmal und wir bestätigten es, dass es
einfach möglich sei. Er ist 36 Jahre alt und es war für ihn kein Unding was wir ihm erzählten, vielmehr
war es so, als ob wir von einer Welt erzählten, an die er noch nie gedacht hat. Ein magischer
Moment, der mir wirklich unter die Haut ging. Ein Mensch in meinem Alter, der mich fragte, ob wir
alle in Frieden zusammenleben.

Nun sitze ich wieder zu Hause, im Wohnzimmer auf der Couch, aber diese Reise lässt mich nicht los.
Viele Fragen in meinem Kopf – ein 9-jähriger kluger Junge – hätte er hier bessere Chancen, wäre er
hier glücklicher? – ein 36-jähriger junger Mann – würde er hier jemand anderen Lieben?
Ich habe keine Antworten auf all diesem Fragen, aber ich weiß, dass diese Menschen – meine
tansanische Familie - glücklich sind. Glücklich in ihrem kleinen Haus, mit einer Dusche mit kaltem
Wasser, einem Ventilator, Weißbrot und Honig zum Frühstück, mit Möbeln, die mich an die Möbel
meiner Oma erinnern. Sie brauchen kein Auto, keine Markenklamotten, keinen akkuraten Garten,
keine Waschmaschine oder ein magnetisches Kochfeld. Sie sitzen jeden Abend zusammen, schauen
Fernsehen, unterhalten sich oder bereiten das Essen für den kommenden Tag vor. Sie sind
zusammen und sie sind glücklich.
Die erste warme Dusche nach Ankunft, meine große Pizza Salami, unser Sofa und ja, auch das
Toilettenpapier waren für mich riesige Freuden als ich Heim kam. Ich stand in unserem kleinen
Zuhause mit dem Mann an meiner Seite, den ich über alles liebe, hielt am nächsten Tag mein
Patenkind und meine besten Freunde in den Armen, ich habe mit meiner Familie gesprochen und
selbst jetzt freue ich mich über genau diese kleinen Dinge, die mein Leben so vollkommen machen,
sie sind Teil meines persönlichen ganz großen Glücks und diese Reise hat mir ganz klar gezeigt wie
wertvoll all diese Menschen und mein Zuhause für mich sind.

Cristien




Fwd: Nachtrag: Entdeckung eines Paradieses am 23.10.

Heute war Ausschlafen angesagt: um halb zehn gab es ein leckeres Frühstück mit frischem Obst. Nach einer Abkühlung im Pool und einem frühen Mittagessen haben sich die meisten mit dem Bus in Richtung Gewürplantagen und Stone Town aufgemacht.

Bei der Führung durften wir viele Gewürze erriechen & erschmecken (sofern sie nicht giftig waren) und waren erstaunt, wie sie ungemahlen aussahen und wo sie genau wachsen. Nach einer Kokosnuss-Kletter-Show konnten wir viele exotische Früchte probieren. Mit Gewürz- und Seifensouveniers ging es dann Richtung Stone Town.

In Stone town sind wir dann auch von unserem Guide durch die kleinen und engen Gassen geführt worden und haben den täglichen Fisch- und Fleischmarkt besucht (etwas gewöhnungsbedürftig aber zum Schauen echt der Hammer). Uns wirde auch das Geburtshaus von Freddy Mercury gezeigt. Nachddem wir durch verschiedene Missverständnisse doch den Bus gefunden hatten machten wir uns auf den Weg zurück zum Hotel. Dort wurde schon auf uns gewartet, da wir wie immer etwas zu spät waren (die tansanische Zeitrechnung ist doch einfach eine andere). Im Hotel warteete dann aber ein schönes und leckeres Abendessen auf uns. Den Abend haben wir dann gemütlich ausklingen lassen.

 

Bis dahin eure

Bebe & Marie, Kathi & Lara

Die Sache mit der Zeit

Die ersten zwei Tage hatte ich gar keine Zeit zu vermissen. Und ich meine nicht die ersten zwei Tage in Tansania, sondern wieder hier in Deutschland.

Zeit war etwas, was uns die ganze "Zeit" über begleitet hat auf Tansania. Entweder verlief sie wie im Flug, wie bei den unzähligen tollen Erlebnissen auf Sansibar, mit unserer Gastfamilie oder auch auf unserer Safari. Oder sie war so zähflüssig, dass wir dachten sie geht nie vorbei, wie diese "wunderbare" Busfahrten nach Arusha und zurück oder die Wartezeit, bis es endlich los ging. Die Uhren laufen in Tansania halt etwas gemächlicher.

Kaum Zeit hat hingegen das ins Herz schließen beansprucht. Das liebevolle Umsorgen unserer Gastgeber die Leichtigkeit, wie sie mit uns agiert haben, war einfach wunderbar. Da brauchte es wirklich nicht lange für das verlieben. Ja ich würde es wirklich verlieben nennen. Wenn uns etwas passiert ist, waren direkt immer Menschen zu Hilfe, die ihre Hilfe bereit stellten. Wenn wir Fragen hatten oder auch nur eine Kleinigkeit kaufen wollten, war direkt jemand zur Stelle. Nicht nur von den Erwachsenen, die uns in ihre Familien aufgenommen hatten, sonder auch von den Jugendlichen, die uns auf den Ausflügen begleitet haben.

Kein Wunder, dass mir der Abschied in Dar Es Salam sehr schwer gefallen ist, wenn man sich so geliebt Fühlt. Meine Gastmutter Julieth sagte einen Abend am Esstisch zu uns "Hier bei mir habt ihr eine zweite Familie gefunden!". Doch erst jetzt begreife ich, wie weitreichend diese Aussage ist. Es liegt ein Versprechen darin: Ich werde immer zu ihr kommen können und sie wird immer zu mir kommen können, egal wie es grade bei uns ist. Doch für diese Erkenntnis brauchte ich Zeit.
Und Zeit zum zurückkehren, werde ich auch noch finden.

Annika

Montag, 29. Oktober 2018

Nachtrag: Der letzte Tag (26.+27.10.)

An unserem letzten Tag hatten wir aufgrund des unfreiwillig verlängerten Aufenthalts auf Sansibar einiges nachzuholen. Dennoch ging der Tag mit einem entspannten und leider schon letzten Frühstück in den Gastfamilien los. Um 10 Uhr trafen wir uns dann an der Kirche, um von dort aus zum Health Care Center zu fahren. Wir schauten uns dort die Hebammenstation an, welche von der Kirche aufgebaut wird und Ende November eröffnet werden soll. Mit deutschen Geburtsstationen ist diese was Räumlichkeiten und das medizinische Drum und Dran angeht nicht zu vergleichen. Dennoch ist die Station den Menschen vor Ort eine große Hilfe, da die Patienten nicht so viel Geld für eine Behandlung zahlen müssen wie in den staatlichen Krankenhäusern.
Nach dem Besuch im Health Care Center ging es weiter zur Diözese. Beim Hineingehen trafen wir dort zufällig auf eine deutsche Dame, die seit einem halben Jahr dort arbeitet und fließend Swaheli sprach. Dieser Zufall sollte nicht ungenutzt bleiben. Die nette Frau begleitete uns bei unserem Besuch und übernahm hier und da die Rolle einer Dolmetscherin.  Wir wurden zunächst ausführlich begrüßt und durften uns einzeln vorstellen. Anschließend schauten wir uns die Räumlichkeiten an. Dazu zählte ein neu eingerichtetes Fernsehstudio, das in Kürze in Betrieb genommen werden soll, um der Bevölkerung durch das Fernsehen zu ermöglichen Gottesdienste zu schauen, Gospelgesänge zu hören und einiges mehr. Außerdem schauten wir uns das Radio-Studio und die Zeitungsredaktion an. Danach ging es dann ENDLICH zum Lunch (einige aus der Gruppe wären beinahe des Hungertodes gestorben..). Dort gab es ganz klassisch Hähnchen, Fisch, Pommes, Reis und Ugali. 
Nach dem Lunch ging es dann wieder zurück zur Kirche. Hier konnten wir den letzten Nachmittag ganz in Ruhe ausklingen lassen. Durch nette Gespräche ging die Zeit bis zum BBQ sehr schnell vorbei. Schwupps war es auch schon dunkel und unser letzter Tag im wunderschönen Tansania war beinahe rum. Das letzte Abendessen stand an und wir sahen nochmal viele Menschen wieder, die uns in den letzten zwei Wochen begegnet sind. Die jungen Tansanier, die mit uns auf Safari waren, unsere Begleiter auf Sansibar und viele Menschen bei unseren Tages-Trips in Dar (wie die Einheimischen sagen) dabei waren. Zum Essen gab es Innereien-Suppe, jede Menge Fleisch und auch Salat und Kartoffeln. Es war ein sehr gemütliches Beisammensein, mit einer guten aber auch leicht wehmütigen/emotionalen Stimmung. Viele Gedanken, die uns durch den Kopf gingen, eine Mischung aus Erleichterung (bald geht es nachhause), Dankbarkeit (für die Begegnung mit vielen wundervollen Menschen), Traurigkeit (dass die Zeit so schnell vorbei ging)  aber auch Freude (über die tollen Erlebnisse und natürlich auf zuhause).
Nach dem BBQ ging es für die meisten von uns zurück in die Gastfamilien, um die letzten Sachen zu packen und in unserem Falle noch 1-2 Weinchen zu uns zu nehmen und mit unseren afrikanischen Freunden zu tanzen. 
Der Abschied am Flughafen war lang, tränenreich und trotzdem absolut schön. Es ist schon erstaunlich wie sehr einem Menschen innerhalb von zwei Wochen ans Herz wachsen können. Nach ungefähr 1000 Umarmungen und Abschiedsworten mussten wir dann leider irgendwann durch die Sicherheitskontrolle und und uns durch ein letztes Winken von unseren neu gewonnen Freunden verabschieden. 
Die Rückreise nach Istanbul verlief dann bei den meisten von uns schlafend. In Istanbul angelangt gab es eine kleine Reflexion in der Gruppe, wo wir unsere Befürchtungen und Erwartungen noch einmal aufgreifen konnten sowie uns bewusst machen sollten was wir aus den letzten zwei Wochen mitgenommen haben. 
Und so ging unsere Rückreise dann auch flugs um und wir fanden und bei Dunkelheit und in einer Eiseskälte zunächst am Düsseldorfer Flughafen und dann am Kamener Bahnhof wieder, wo einige schon sehnsüchtig von ihren Eltern/Freunden/Kindern erwartet wurden. 

Euer Froemeke Blog Team 

Sonntag, 28. Oktober 2018

Nachtrag: Donnerstag 25.10 - Verspätete Rückkehr aus dem Paradies

Donnerstag, 25.10.: (Verspätete) Rückkehr aus dem Paradies

Den Tag startete wie die anderen hier um 9.30 Uhr mit einem fruchtigen Frühstück.
Danach wurde das Gepäck startklar gemacht und die Zimmer geräumt.
Einige fuhren mit dem Taxi durch den Regen nich einmal zum Shoppen/Souvenirs kaufen,auch um sich die Zeit bis zum Flug zu vertreiben. Andere brachten derweil Stanley das Schwimmen im Pool und im Indischen Ozean bei. Und wiederum andere überbrückten die Zeit mit Spielen und Sandwiches.
Nach wenigen tansanischen Minuten machten wir uns durch riesige Pfützen auf den Weg zum Flughafen. Im strömenden Regen checkten wir ein und gaben unser Gepäck auf. Nach 3 Stunden Warten und einem Gang übers große Rollfeld erreichten wir unsere Propellermaschine. Kaum abgehoben landeten wir auch schon, Dar es Salam hatte uns wieder. Müde und hungrig ging es dann durch das abendliche Dar es Salam zur letzten Nacht in die Gastfamilien.
Noch ein Tag und dann ist unsere aufregende Zeit in und mit unserer Partnergemeinde Temeke leider schon vorbei.

Theresa & Esther mit Lars & René

Die Straßen von Dar Es Salam

Man muss nicht Springsteens Philadelphia hören, um bei einer Fahrt durch die Straßen Dar Es Salams eine melancholische Stimmung zu bekommen.

Springsteen singt
Ain't no angel gonna greet me.
It's just you and I my friend.*
Auf der einen Seite: Dass die Menschen dort allein seien, kann man nun wirklich nicht sagen. Die Straßen sind voll, übervoll mit Menschen & Leben! Gerade in den ärmeren Gegenden. Ob das jetzt per Definition (wer definiert?) Slums waren, was wir da gesehen haben? Es fühlte sich so an.

Es war jedenfalls immer etwas los. Hier standen Menschen und redeten, überall Hütten und Sonnenschirme in und unter denen, etwas verkauft, getauscht oder verhandelt wurde. Kinder spielten: Mit Fußbällen, mit umfunktionierten Dingen, mit Müll. An vielen Stellen brannte ein Feuer. Manchmal wurde darüber etwas gegrillt und gekocht und manchmal wurde Müll verbrannt. Nicht auszuschließen, dass mit Hilfe desselben Feuers auch mal zeitgleich beides passierte.
Nein, allein sind die Leute nicht. Weit weg sogar von "just you and I"! Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass man hier niemals allein sein kann. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen in den Familien: Viele Kinder, Eltern, manchmal Großeltern in einem Haus; mehr Betten als Schlafzimmer. Dazu teilweise Cousinen, Cousins, HaushelferInnen, ... immer was los. Privatsphäre, so kommt es mir im Nachhinein vor, ist ein seltenes Gut. Mindestens in Dar Es Salam, vielleicht ist das auch sinnbildlich für die Gesellschaft insgesamt dort. (Jetzt beginnen allerdings Mutmaßung und Interpretation.)

Auf der anderen Seite sind die Menschen in "Dar" sehr gläubig. Entweder christlich oder muslimisch. Nach allem, was ich beurteilen kann, hadern sie gar nicht so sehr mit ihrem Schicksal (hier meine ich vor allem Armut). Geben nicht Gott oder anderen Gesellschaften from outside die Schuld. Sie sahen - um ehrlich zu sein - nicht sonderlich unglücklich aus an diesen Orten und mit diesem Leben.
Ich fühle mich schlecht, wie auf einer verkackten Messerklinge, wenn ich beurteile und bewerte - was ich fast automatisch tu' - was meine Sinne dort wahrnehmen: Mit der mitteleuropäischen Überheblichkeit (weil ich ja meinen 'Standard' als Vergleichspunkt nehme(n muss)), mit der ich fast automatisch und wie angeboren auf Menschen in finanziell ärmeren Ländern mitleidig blicke. Und mit der Geborgenheit, die verlässlich fließendes Wasser, sortimentstarke Supermärkte und ein gut gefüllter Ordner mit Versicherungspolicen in mir hervorrufen.
Mitleid und der Vergleich mit der eigenen Geborgenheit, um nur mal zwei starke Gefühlsbereiche (oder besser -ketten) zu nennen. Es gäbe ein Dutzend weitere und überhaupt ist dieser Text schwer zu schreiben, ohne in einem Satz weitere Worte zu nutzen, die im Grunde wieder erklärt, eingeordnet oder diskutiert werden müssten... - es kann hier also alles nur unvollständig bleiben.

Zurück zu Bruce. Wo sind die Engel an diesen Orten? Wo ist Gott im Angesicht von so viel Glaube? Lässt Gott die Menschen hier - wie es auf den ersten Blick scheint - allein?
Die Menschen wirkten auf mich so, als hätten sie sich mehr als arrangiert: Es ist ihr Leben. Sie sehen nicht unglücklich aus. Sie machen das beste daraus. Das will und darf ich zumindest hoffen. (hier steht bewusst nicht "sie kennen es ja nicht anders" - denn das ist eine fiese, vielleicht zynische Floskel)

Als Christenmensch glaube ich auch nicht, dass Gott nicht an diesen Orten wäre. Ich glaube nicht, dass er die Menschen allein lässt. Er gibt ihnen Zuversicht und Hoffnung, wo wir Versicherungen und feste Öffnungszeiten benötigen. Und er hat sie gesegnet mit einer besonderen Form familiären Zusammenhalts. Vielleicht - das will ich eigentlich sogar stark hoffen - ist Gott hier sogar viel präsenter als an anderen Orten. Aber das ist für mich vielleicht schon gar nicht mehr richtig sichtbar.

Die Menschen geben sich Mühe, in ihrem Umfeld selbst ein Engel zu sein. Sie helfen einander, geben aufeinander Acht. Gerade in den Familien haben wir das am eigenen Leib gespürt. Genauso auf unseren Unternehmungen, wenn unsere tansanischen Freunde mal wieder sehr stark auf uns aufgepasst haben. It felt like God has sent his Angels.


Was bleibt also von diesem Bild auf den Straßen Dar Es Salams?
Die Menschen haben sich selbst. Und Gott.
Ansonsten schert sich aber scheinbar (so gut wie) niemand darum, was hier passiert.
Und damit gilt aus Sicht der Menschen - wenn sie ihren Blick aus ihrer eigenen Umtriebigkeit herausstrecken - irgendwie eben doch: it's just you and I.
From the outside no one cares.
Und das macht mich am Ende dann eben doch wieder traurig. Mitteleuropäische Überheblichkeit hin oder her.

Seba

____________
*In Springsteens Klassiker geht es um AIDS. Ehrlich gesagt haben wir über dieses Thema übrigens so gut wie nichts gehört. Ich persönlich nur in einem Satz unseres Gast-Cousins: "Malaria kills more people than AIDS."


Die Tage nach Tansania: "After Show Party" im Kopf

Die Reise ist inzwischen vorbei und alle sind wohlbehalten zurück daheim!

Der Abschied fiel uns - genau wie den Gastgebern - sehr schwer. Das Szenario am Flughafen war geprägt von Tränen und Umarmungen. Ganz schön viel Gefühl nach diesen zwei Wochen, die sich so kurz und so lang gleichermaßen anfühlten.

Was bleibt?

Neue Freundschaften?

Neue Kontakte und der feste Wille (so haben es alle bekundet und beschworen), den Kontakt zu halten, auch wenn jetzt tausende Kilometer zwischen den Menschen liegen, die diese Zeit miteinander verbracht haben. WhatsApp & Co. sollten die Wahrscheinlichkeit, dass das klappt, positiv beeinflussen.

Eine Rückbegegnung?

Das scheint im Moment sehr wahrscheinlich. Schien ein solches Unterfangen noch vor einiger Zeit sehr unrealistisch (v.a. aus Geldgründen), so zeichnet sich zumindest hierfür eine Lösung ab. Für die Koordination haben sich ein paar Leute mit Zugpferdqualitäten gemeldet - das stimmt doch alles erstmal zuversichtlich. Vielleicht kann es schon in einem Jahr dazu kommen. Das wäre wundervoll!

Kopf- und Herzkino?

Da sind so manche Dinge in der Birne, die sich erst ihren Weg an die Oberfläche erst noch bahnen. Eindrücke, Gedanken, Geschehnisse. Dinge, die im Moment des Erlebens irgendetwas berührt, getriggert haben. Das waren häufig auch Dinge, die dann schnell vorbei, entschieden oder mal eben kurz wegerlebt wurden. Wie ein Atemzug. Doch die Nachbetrachtung, sei diese nun bewusst oder unbewusst, zeigt, dass der eine oder andere Atemzug tiefer war, als zunächst gedacht. Neben dem Kopf, hat manches auch das Herz berührt. Vieles in Gang gesetzt.
Aus diesem Grund werden in diesem Blog in den nächsten Tagen noch ein paar Gedanken erscheinen. Wir sind noch nicht fertig. Da kommt noch was.

Seba